Warum Körperwahrnehmung eine Form von Selbstfürsorge ist

Körperwahrnehmung bedeutet, mitzubekommen, was im eigenen Körper gerade passiert – und genau dort beginnt Selbstfürsorge.

Wir merken oft ziemlich genau, dass etwas nicht stimmt. Nur leider meistens erst dann, wenn der Körper schon ziemlich deutlich geworden ist.

Der Nacken ist ständig fest, der Atem wird flacher, die Schultern hängen irgendwann gefühlt bis zu den Ohren und abends bist du müde und gleichzeitig so aufgedreht, dass an Schlaf erst einmal nicht zu denken ist.

Und trotzdem machen wir weiter. Noch schnell die E-Mail, noch schnell einkaufen, noch schnell das erledigen, was eigentlich auch morgen reichen würde.

Der Körper kann ja warten. Hilfe!

Das tut er meistens auch – zumindest eine ganze Weile.

Körperwahrnehmung beginnt nicht mit Yoga

Körperwahrnehmung bedeutet für mich zunächst etwas sehr Einfaches: mitzubekommen, was im eigenen Körper gerade passiert.

Bin ich angespannt oder entspannt? Atme ich ruhig oder halte ich unbewusst den Atem an? Habe ich gerade wirklich noch Kraft für diese Aufgabe oder funktioniere ich nur noch irgendwie weiter?

Solche Fragen klingen zunächst ziemlich unspektakulär. Im Alltag sind sie allerdings gar nicht so selbstverständlich, weil wir häufig stärker damit beschäftigt sind, was als Nächstes passieren muss, als damit, was gerade tatsächlich passiert.

Der Kopf plant, der Kalender wartet, das Handy blinkt – und der Körper läuft irgendwo mit.

Der Körper liefert Informationen

In der Forschung wird die Wahrnehmung von Signalen aus dem eigenen Körper unter anderem als Interozeption bezeichnet. Dazu gehören beispielsweise Empfindungen wie Herzschlag, Atmung, Hunger, Sättigung, Anspannung oder andere körperliche Veränderungen.

Diese Wahrnehmung ist kein eingebautes Warnsystem, das uns jederzeit zuverlässig sagt, was richtig oder falsch ist. So einfach ist unser Körper zum Glück – oder manchmal auch leider – nicht. Er liefert uns Informationen, mit denen wir etwas anfangen können.

An dieser Stelle wird Körperwahrnehmung für mich zu einem Teil von Selbstfürsorge: Nicht, weil jede Verspannung sofort eine tiefere Bedeutung haben muss, sondern weil wir nur auf etwas achten können, was wir tatsächlich bemerken.

Selbstfürsorge ist mehr als ein schöner Abend

Bei Selbstfürsorge denken viele Menschen zuerst an Dinge wie Wellness, ein gutes Essen, ein Bad oder einen Abend auf dem Sofa. Ist ja auch alles schön.

Und gegen ein Bad mit anschließendem Glas Wein – äh, Tee – ist selbstverständlich nichts einzuwenden. 😉

Allerdings beginnt Selbstfürsorge für mich an einer anderen Stelle.

Die Weltgesundheitsorganisation beschreibt Selbstfürsorge als die Fähigkeit, die eigene Gesundheit zu fördern und zu erhalten und mit gesundheitlichen Herausforderungen umzugehen. Dazu gehören unter anderem Bewegung, Schlaf, Ernährung und andere gesundheitsfördernde Gewohnheiten.

Selbstfürsorge ist also nicht nur etwas, das wir uns gönnen. Sie zeigt sich auch darin, wie wir mit uns umgehen. Dafür müssen wir allerdings zunächst einmal mitbekommen, wie es uns überhaupt geht.

Was nehme ich gerade wahr?

Du bemerkst beim Lesen vielleicht, dass du die Schultern gerade ein wenig hochgezogen hast. Oder dass dein Kiefer fest ist. Oder dass du eigentlich schon seit einer Stunde Durst hast.

Vielleicht stellst du auch fest, dass du gerade ziemlich angespannt bist, obwohl du dir vor zehn Minuten noch gesagt hast: „Eigentlich geht es mir doch gut.“

Das ist kein Grund zur Sorge, sondern zunächst einmal eine Information.

Körperwahrnehmung bedeutet nämlich nicht, ständig in sich hineinzuhorchen und jede Empfindung zu analysieren. Das würde vermutlich selbst ziemlich schnell anstrengend werden. 😀

Es geht eher darum, den Kontakt zum eigenen Körper nicht erst dann wieder aufzunehmen, wenn er laut werden muss. 😉

Wahrnehmen schafft Möglichkeiten

Wenn wir eine Anspannung früh bemerken, können wir eine Pause machen. Wenn wir merken, dass wir gerade über unsere Grenze gehen, können wir eine Entscheidung noch einmal überprüfen. Und wenn uns eine Situation immer wieder aufs Neue unter Druck bringt, lohnt es sich, genauer hinzuschauen.

Das bedeutet nicht, dass Körperwahrnehmung automatisch zu den richtigen Entscheidungen führt. Sie kann uns aber einen Moment verschaffen, in dem wir überhaupt eine Wahl haben.

Forschung zu Interozeption weist darauf hin, dass die Wahrnehmung körperlicher Signale mit dem Erleben und der Regulation von Emotionen zusammenhängt. Gleichzeitig ist das Forschungsfeld noch in Entwicklung und die Zusammenhänge sind komplexer, als manche populären Aussagen über „der Körper weiß immer die Wahrheit“ vermuten lassen.

Das finde ich übrigens ganz beruhigend.

Wir müssen unseren Körper nicht zum Orakel machen. Wir dürfen einfach wieder anfangen, ihm zuzuhören.

Und was hat Yoga damit zu tun?

Eine ganze Menge.

Yoga bietet einen ziemlich praktischen Raum, um Körperwahrnehmung zu üben. Nicht nur, indem wir eine bestimmte Haltung einnehmen, sondern indem wir beobachten, wie sich Bewegung anfühlt, wie sich der Atem verändert, wo Kraft entsteht, wo Spannung auftaucht und wann eine Bewegung noch guttut oder es sinnvoller ist, eine Grenze zu respektieren.

Genau deshalb ist mir mein Leitsatz im Unterricht so wichtig:

Fordere dich, ohne zu überfordern.

Denn Selbstfürsorge bedeutet für mich nicht, jede Anstrengung zu vermeiden. Anstrengung kann richtig guttun. Zu schwitzen, etwas Neues auszuprobieren oder an einer Herausforderung dranzubleiben, gehört für mich genauso dazu.

Entscheidend ist, ob ich dabei noch mitbekomme, was in mir passiert.

Selbstfürsorge kann ziemlich unspektakulär aussehen

Sie kann bedeuten, die Yogamatte auszurollen, einen Spaziergang zu machen, obwohl der Schreibtisch noch nicht leer ist, oder eine Pause einzulegen, bevor der Körper sie für dich erzwingt.

Sie kann auch bedeuten, in einem Gespräch einmal nicht sofort „Ja“ zu sagen.

Oder schlicht festzustellen:

Das ist mir gerade zu viel.

Das ist keine Schwäche. Es ist eine Wahrnehmung. Und daraus kann eine Entscheidung entstehen.

Für mich liegt genau darin die Verbindung zwischen Körperwahrnehmung und Selbstfürsorge:

Ich nehme wahr, was ist. Ich nehme mich damit ernst. Und ich entscheide, was ich daraus mache.

Nicht perfekt, nicht immer und schon gar nicht jeden Tag. Wir sind schließlich Menschen und keine gut programmierten Gesundheits-Apps. 😉

Vielleicht beginnt Selbstfürsorge genau dort

Nicht bei der Frage:

„Was müsste ich noch alles für mich tun?“

Sondern bei einer viel einfacheren Frage:

„Wie geht es mir gerade eigentlich?“

Und dann wirklich kurz zuhören.

Möchtest du deinen Körper wieder bewusster wahrnehmen?

In meinen Yoga-Stunden geht es nicht darum, eine möglichst perfekte Haltung einzunehmen. Es geht darum, Bewegung zu spüren, den eigenen Körper besser kennenzulernen und herauszufinden, was dir guttut.

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Wenn du merkst, dass du dich selbst im Alltag immer wieder übergehst und genauer hinschauen möchtest:

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Quellen & weiterführende Informationen

World Health Organization (WHO): Self-care for health and well-being.

Fassbinder et al.: Interoceptive Ability and Emotion Regulation in Mind–Body Interventions: An Integrative Review.

Systematic Review of Associations Between Interoception, Vagal Tone, and Emotional Regulation.

Die wissenschaftlichen Quellen dienen der fachlichen Einordnung des Artikels. Der Beitrag ersetzt keine medizinische oder psychotherapeutische Beratung.

Silke Jost sitzt lächelnd im Schneidersitz auf einer grünen Yogamatte, die Hände vor der Brust

Über die Autorin

Silke Jost ist Yogalehrerin und Trainerin für Prävention und Gesundheitsförderung aus Winnweiler. Ihre Beiträge verbinden Erfahrung aus 18 Jahren Arbeit mit Menschen mit fachlicher Einordnung – anatomisch, gesundheitsbezogen und, wo sinnvoll, mit Verweis auf den Stand der Forschung.

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