Sitzen, stehen, bewegen: Was unser Arbeitsalltag mit unserem Körper macht

Dabei ist unser Körper eigentlich ziemlich eindeutig konstruiert: Er möchte bewegt werden. Nicht ständig. Nicht maximal. Aber regelmäßig.

Wir sitzen morgens im Auto, sitzen am Schreibtisch, sitzen im Meeting, sitzen beim Mittagessen und fahren anschließend wieder sitzend nach Hause. Dort wartet das Sofa, schließlich haben wir uns den Feierabend verdient.

Wenn man es einmal so betrachtet, ist unser Alltag erstaunlich bewegungsarm geworden.

Dabei ist unser Körper eigentlich ziemlich eindeutig konstruiert: Er möchte bewegt werden.

Nicht ständig. Nicht maximal. Aber regelmäßig.

Der Arbeitstag hat sich verändert – unser Körper nicht

Viele Menschen verbringen einen großen Teil ihres Tages in einer ähnlichen Körperposition. Der Bildschirm steht vor uns, die Hände liegen auf der Tastatur und irgendwann merken wir, dass wir seit zwei Stunden kaum einen Schritt gemacht haben.

Das Interessante daran: Unser Körper beschwert sich darüber nicht unbedingt sofort.

Er macht erst einmal mit.

Die Schultern bleiben dort, wo wir sie gerade brauchen. Der Rücken hält uns. Die Augen arbeiten. Der Kopf ist beschäftigt. Und irgendwann kommt der Moment, in dem der Nacken fest wird, der Rücken sich steif anfühlt oder die Beine nach Feierabend plötzlich erstaunlich wenig Lust auf weitere Aktivitäten haben.

Dann denken wir gern: „Ich brauche Bewegung.“

Stimmt.

Nur ist die Frage, ob eine Stunde Sport am Abend wirklich alles auffangen kann, was über den Tag hinweg passiert ist.

Sitzen ist nicht automatisch ungesund

Hier lohnt sich ein genauerer Blick, denn die Aussage „Sitzen ist schlecht“ ist zwar schön einfach, aber fachlich zu kurz gegriffen.

Sitzen gehört zum Leben. Wir sitzen beim Essen, im Zug, beim Lesen oder eben am Schreibtisch. Entscheidend ist vielmehr, wie viel Zeit wir insgesamt mit sehr wenig Bewegung verbringen und wie häufig längere Phasen unterbrochen werden.

Die Weltgesundheitsorganisation fasst solche langen Phasen unter dem Begriff sedentäres Verhalten zusammen und empfiehlt Erwachsenen, die Zeit mit sitzenden Tätigkeiten zu begrenzen und körperliche Aktivität in den Alltag zu integrieren. Dabei zählt ausdrücklich auch Bewegung mit leichter Intensität. (who.int)

Das ist eine gute Nachricht.

Denn daraus folgt nicht, dass wir unseren Schreibtisch gegen ein Laufband eintauschen müssen.

Unser Körper braucht vor allem eines: mehr Bewegung über den gesamten Tag verteilt.

Der Körper mag Abwechslung

Eine ergonomische Sitzposition ist sinnvoll. Ein gut eingestellter Arbeitsplatz ebenfalls.

Nur kann auch die schönste ergonomische Sitzhaltung irgendwann unbequem werden, wenn wir sie lange genug nicht verändern.

Der Körper ist kein Ausstellungsstück.

Er möchte sich drehen, strecken, beugen, aufrichten, Gewicht verlagern und zwischendurch einfach einmal ein paar Schritte gehen. Genau diese Vielfalt fehlt im modernen Arbeitsalltag häufig.

Deshalb finde ich den Gedanken der Bewegungsvielfalt viel hilfreicher als die Suche nach der einen perfekten Haltung.

Mal sitzen, mal stehen, zwischendurch gehen, die Position wechseln, die Arme über den Kopf nehmen oder den Oberkörper drehen – vieles davon braucht weder Sportkleidung noch eine Stunde freie Zeit.

Und manchmal ist die sinnvollste Bewegung tatsächlich die, über die wir gar nicht nachdenken.

Aufstehen.

Bewegung muss nicht nach Sport aussehen

Vielleicht liegt genau hier unser größtes Missverständnis.

Wir denken bei Bewegung häufig an Training: Laufen, Radfahren, Krafttraining, Yoga, Schwimmen. Das alles ist wichtig und hat seinen festen Platz.

Aber Bewegung findet nicht nur dann statt, wenn wir uns bewusst dafür entscheiden.

Sie steckt auch im Alltag.

Im Weg zum Drucker. Auf der Treppe. Beim Gang zum Kollegen. Während eines Telefonats. Auf dem Weg zur Bushaltestelle. In einer kleinen Runde um den Block, bevor wir uns wieder an den Schreibtisch setzen.

Die WHO zählt auch solche alltäglichen Aktivitäten zur körperlichen Aktivität. Gleichzeitig gelten die bekannten Empfehlungen von 150 bis 300 Minuten moderater körperlicher Aktivität pro Woche weiterhin als Orientierung für Erwachsene. (who.int)

Beides gehört zusammen.

Eine regelmäßige Sporteinheit ersetzt nicht automatisch einen ansonsten komplett bewegungsarmen Tag – genauso wenig muss jede kleine Bewegung gleich zum Trainingsprogramm werden.

Der Körper braucht keine perfekte Haltung

Ich beobachte in meiner Arbeit immer wieder, wie viel Aufmerksamkeit Menschen auf die Frage verwenden, wie sie richtig sitzen, stehen oder eine Übung ausführen.

Das ist verständlich. Eine gute Ausrichtung kann sinnvoll sein und gerade bei bestimmten Beschwerden oder Belastungen spielt sie eine wichtige Rolle.

Trotzdem würde ich die Frage gern erweitern:

Wie lange bin ich eigentlich schon in dieser Position?

Denn selbst eine gute Haltung kann auf Dauer zur Belastung werden, wenn wir sie nicht verändern.

Deshalb geht es mir beim Thema Bewegung nie nur um Technik. Es geht auch darum, den eigenen Körper wieder wahrzunehmen.

Vielleicht merkst du irgendwann selbst, dass du gerade seit einer Stunde kaum die Position verändert hast.

Dann musst du nicht erst auf die nächste offizielle Bewegungspause warten.

Du kannst einfach aufstehen.

Eine Bewegungspause ist keine verlorene Arbeitszeit

Gerade im Berufsleben wird Bewegung häufig noch als Unterbrechung betrachtet. Dabei kann genau diese Unterbrechung sinnvoll sein, wenn sie hilft, lange Phasen des Sitzens und der Inaktivität zu reduzieren.

Untersuchungen zu Interventionen am Arbeitsplatz zeigen, dass sich sedentäres Verhalten tatsächlich beeinflussen lässt. Besonders interessant sind dabei Ansätze, die nicht ausschließlich auf die Motivation einzelner Mitarbeitender setzen, sondern auch die Arbeitsumgebung und die Arbeitsorganisation berücksichtigen. (pubmed.ncbi.nlm.nih.gov)

Das leuchtet mir ein.

Wenn der Drucker 25 Meter entfernt steht, muss niemand besonders motiviert sein, um dorthin zu gehen. Wenn ein Telefonat problemlos im Stehen geführt werden kann, braucht es dafür ebenfalls kein neues Gesundheitsprogramm.

Manchmal hilft es, die Umgebung ein kleines bisschen bewegungsfreundlicher zu gestalten.

Und dann ist da noch die Sache mit dem „Ich mache später Sport“

Ich kenne diesen Gedanken ziemlich gut.

Der Tag ist voll, also wird die Bewegung nach hinten verschoben. Abends ist der Kopf müde, der Körper ebenfalls, und plötzlich erscheint das Sofa als ausgesprochen vernünftige gesundheitliche Maßnahme.

Kann ich nachvollziehen. 😉

Nur funktioniert unser Körper nicht nach dem Prinzip: acht Stunden möglichst wenig bewegen und anschließend alles in einer Trainingseinheit wieder gutmachen.

Regelmäßige körperliche Aktivität ist wichtig, aber auch die vielen kleinen Bewegungsmomente dazwischen haben ihren Wert.

Das verändert den Blick auf Bewegung.

Wir müssen nicht ständig trainieren.

Wir sollten unseren Körper nur nicht vergessen, während wir arbeiten.

Bewegung beginnt mit Wahrnehmung

Für mich schließt sich an dieser Stelle der Kreis zu einem Thema, das mir auch im Yoga besonders wichtig ist: Körperwahrnehmung.

Denn bevor ich etwas verändern kann, muss ich überhaupt bemerken, was gerade passiert.

Vielleicht sitzt du angespannt vor dem Bildschirm. Vielleicht ist dein Atem flacher geworden. Vielleicht bist du seit Stunden kaum aufgestanden und wunderst dich gleichzeitig, warum dein Rücken sich so unbeweglich anfühlt.

Der Körper gibt uns solche Informationen ständig.

Wir müssen sie nur wahrnehmen.

Und daraus kann etwas ziemlich Praktisches entstehen: Ich ändere meine Sitzposition. Ich stehe auf. Ich gehe ein paar Schritte. Ich strecke mich. Ich mache eine Pause.

Nicht weil eine App mich daran erinnert.

Sondern weil ich selbst bemerkt habe, dass es Zeit ist.

Was wäre, wenn Bewegung wieder selbstverständlich wird?

Vielleicht müssen wir Bewegung gar nicht größer machen, sondern selbstverständlicher.

Eine Arbeitswelt, in der nicht jede Bewegung als Unterbrechung gilt, sondern als normaler Bestandteil des Tages. Ein Arbeitsplatz, der nicht ausschließlich zum Sitzen einlädt. Meetings, die gelegentlich im Gehen stattfinden. Telefonate, bei denen niemand darauf besteht, dass wir dabei sitzen bleiben.

Das klingt zunächst nach Kleinigkeiten.

In der Summe verändern solche Kleinigkeiten allerdings, wie viel wir uns über einen ganzen Tag hinweg bewegen.

Und genau deshalb interessiert mich Bewegung auch im beruflichen Kontext so sehr.

Gesundheitsförderung muss nicht immer mit einem großen Programm beginnen. Manchmal beginnt sie mit einer ziemlich einfachen Frage:

Wie bewegen sich die Menschen eigentlich durch ihren Arbeitstag?

Bewegung darf Teil des Arbeitstages sein

In meinen Yoga-Angeboten verbinde ich Bewegung mit Körperwahrnehmung und einer anatomisch bewussten Anleitung. Dabei darf es durchaus anstrengend werden – schließlich soll Bewegung nicht nur irgendwie stattfinden, sondern den Körper auch sinnvoll fordern.

Mein Leitsatz dabei:

Fordere dich, ohne zu überfordern.

Für Unternehmen bedeutet Gesundheitsförderung aus meiner Sicht, Bewegung, Prävention und Regeneration so in den Arbeitsalltag zu bringen, dass sie für die Menschen tatsächlich umsetzbar sind.

→ Business Yoga & betriebliche Gesundheitsförderung

Und wenn du selbst Lust hast, deinem Körper wieder etwas mehr Bewegung zu gönnen:

→ SiJo Yoga entdecken


Quellen & weiterführende Informationen

World Health Organization (WHO): Guidelines on physical activity and sedentary behaviour. (who.int)

World Health Organization (WHO): Physical activity. (who.int)

Becker et al.: Workplace Interventions to Reduce Sedentary Behavior: A Systematic Review. (pubmed.ncbi.nlm.nih.gov)

Zhou et al.: Effectiveness of Multicomponent Interventions in Office-Based Workers to Mitigate Occupational Sedentary Behavior: Systematic Review and Meta-Analysis. (pubmed.ncbi.nlm.nih.gov)

Die wissenschaftlichen Quellen dienen der fachlichen Einordnung des Artikels. Der Beitrag ersetzt keine medizinische oder psychotherapeutische Beratung.

Silke Jost sitzt lächelnd im Schneidersitz auf einer grünen Yogamatte, die Hände vor der Brust

Über die Autorin

Silke Jost ist Yogalehrerin und Trainerin für Prävention und Gesundheitsförderung aus Winnweiler. Ihre Beiträge verbinden Erfahrung aus 18 Jahren Arbeit mit Menschen mit fachlicher Einordnung – anatomisch, gesundheitsbezogen und, wo sinnvoll, mit Verweis auf den Stand der Forschung.

Möchtest du deinen Körper wieder bewusster wahrnehmen?

In meinen Yoga-Stunden geht es nicht darum, eine möglichst perfekte Haltung einzunehmen. Es geht darum, Bewegung zu spüren, den eigenen Körper besser kennenzulernen und herauszufinden, was dir guttut.

Wenn du merkst, dass du dich selbst im Alltag immer wieder übergehst und genauer hinschauen möchtest:

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